Ich halte es immer noch für erstrebenswert, sich seine kleine Raumkapsel herzustellen aus dem, was gerade anfällt, sodass sie nach einer Weile aus der Vogelperspektive, der eigenen, wie die einrichterische Umsetzung einer Persönlichkeitsfacette aussieht.
Dieses Raumkapselprinzip stützt sich auf streng und selten gewählte Neuzugänge und regelmäßiges Wegwerfen, sonst befinden wir uns bald in der kosmischen Rumpelkammer - und was die symbolisiert, ist ja klar: übergewichtige Materialisierung unseres Charakters. Nicht einmal die klare Linie ist das Problem, wir wissen eh nicht, wer wir sind, sondern tatsächlich die Masse. Wohin sollen auch die ganzen Ausstellungsplakate, Theater- und Fahrkarten und Konzertprogramme, wo doch letztere schon von "BerfusWegen"... die tollen längstgeleerten litauischen Wodkaflaschen, die fremdländisch bedruckten Plastiktüten, die vielen CDs...?
Völlig unkosmische Räume unter Betten und in elterlichen Kellern entwerten meine Erinnerungen allein dadurch, dass sie irgendwodrin irgendwodrunter gepackt werden. Aber von manchem Dokument, an dessen Abschied in die Tonne ich mich noch gut erinnern kann, möchte ich doch gern wieder seine unmemorierbare Information abrufen. Und da gehts rein lexikalisch los: schieße ich das ganze einfach ins virtuelle Weltall und warte, bis der Klumpen wieder auf mich runterstürzt? Fürs erste scheints das Beste zu sein...
sho-shan-nah - 26. Apr, 12:06
„Man glaubt im ganzen, daß Interessantheit und Neuheit des Gehaltes die Zeit >vertreibe<, das heißt: verkürze, während Monotonie und Leere ihren Gang beschwere und hemme. Das ist nicht unbedingt zutreffend. Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunde dehnen und >langweilig< machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sich sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so dass ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen. Was man Langeweile nennt, ist also eigentlich vielmehr eine krankhafte Kurzweiligkeit infolge von Monotonie: große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer; und bei vollkommener Einförmigkeit würde das längste Leben als ganz kurz erlebt werden und unversehens verflogen sein. Gewöhnung ist ein Einschlafen oder doch ein Mattwerden des Zeitsinnes, und wenn die Jugendjahre langsam erlebt werden, das spätere Leben aber immer hurtiger abläuft und hineilt, so muß auch das auf Gewöhnung beruhen. Wir wissen wohl, dass die Einschaltung von Um- und Neugewöhnungen das einzige Mittel ist, unser Leben zu halten, unseren Zeitsinn aufzufrischen, eine Verjüngung, Verstärkung, Verlangsamung unseres Zeiterlebnisses und damit die Erneuerung unseres Lebensgefühls überhaupt zu erzielen.“
Mann, Thomas, Der Zauberberg, Frankfurt am Main, 2002, S.145.
sho-shan-nah - 7. Apr, 20:36
Unzulängllichkeiten in seiner Wahrnehmung werden zu Unzulänglichkeiten in seiner Wirklichkeit. Vollkommenheit ist unmöglich für den Menschen.
sho-shan-nah - 1. Apr, 14:27
"Wir sind ein digitaler Vertriebsdienstleister..." - Entschuldigend zu hoffenden Autoren ohne Verlag
"Das ist ein selbsthaftendes Microfaserputztuch für Ihr Smartphone oder Ihren Tablet-PC." - höflich erklärend zu Gratisartikel-Abgreifern
Meine beiden am häufigsten auf der Messe gesagten Sätze. Was gab es sonst: Massige Glatzen, Fernfahrerkantine, ab und an einen sich verirrenden Cosplayer als Farbklecks zwischen den traurigen Plastikgestellen. Alles ist leicht abzumontieren, zu verstauen und fix dekorierbar. Innerhalb weniger Minuten nach Beginn lernt jeder, sich nur noch mit "schöne Messe noch" zu verabschieden, alte Freunde bleiben so gute alte Freunde, weil es eh keine Zeit gibt, sie länger als 30 Sekunden zu begrüßen und die neue Karte dazulassen, und vor allem kursiert die Messegrippe. Die hab ich jetzt auch.
sho-shan-nah - 20. Mrz, 16:08
Auch wenn sich Obsessionen lange, meinentwegen lebenslänglich im Bewusstsein halten, besteht bei Rückzug aus der unmittelbaren Gefahrzone kaum mehr als die Möglichkeit (von romantisch bis creepigem Stalking mal ganz zu schweigen), sich in verwirrende Tagträume zu verlieren. Deren Gewichtigkeit mag einem untragbar, alltagsverwirrend vorkommen, letztlich begeht man dennnoch kaum mehr an Sehnsüchtelei, als hin und wieder eine besonders fernweherweckende Strandphotographie zu betrachten. Es haben wie so oft die Gewohnheit, die neue Routine und die Zeit, der Staub, die Oberhand, wenn man denn schon nicht gehen lassen kann, was einem nicht zugehörig ist. Wehe mir, erst in Ansätzen bereit zu verstehen, was das bedeutet, doch schon mich gegen die übliche Empfindlichkeit stemmend, die dann ja meistens in abgenutzten fühligen, schon wieder: Gewohnheiten stranden.
sho-shan-nah - 29. Feb, 02:04
Schlussmachen ist auch in Freundschaften sinnvoll und noch schwieriger als in romantischen Zweierbeziehungen, weil ein nachhaltiges körper- und, fomal gesehn, auch verpflichtungsloses Band schwierig einfach mit Tränen und Geschrei aufgelöst wird. Man kann zwar schon "richtig Scheiße bauen", aber selbst dann entscheiden sich die meisten für ein bisschen Abstand, um sich am Ende zu verzeihen. Die Geduld eines Freundes ist, sobald das sympathische Band erst mal gut hält, unendlich mehr belastbar als die von starken Verlustängsten und körperlicher Anziehung auf die Probe gestellte.
Am leichtesten geht es vermutlich noch beim Kontaktentzug: derjenige, der auf dem Trockenen sitzt, bekommt irgendwann einen Ungerechtigkeitsrappel und schreibt den Freund ab, oder "drückt" ihm nochmal, was er dazu denkt, erwartet dennnoch keine echte Antwort oder Verbesserung. Vielleicht schluckt man die ganzen unguten Gefühle für einen neuen Versuch noch schnell runter, aber beim nächsten Mal wird die Spanne kürzer, und kürzer.
dem liegt zum Beispiel mangelndes Interesse zugrunde. Eine relativ unspannende, aber schlüssige Motivation, jemandem nicht mehr anzurufen. Es jedoch zuzugeben erscheint vorschnell (kann sich ja noch ändern), man hätte früher den Kontakt dosieren sollen und es wäre merkwürdig, auf einmal damit anzufangen und eigentlich ist unsere Ausdauer eh anderswo gebraucht. Der andere hätte vorgeblich gerne, dass man es ihm "ins Gesicht sagt", das Interesse sei verschwunden, denn es ist das, was er sich selber sagt. "Ich habe nichts falsch gemacht, man findet mich nicht mehr erwähnenswert". sich dabei den vorenthaltenden Trotzteil zu denken, ist eben genau der Fehler. Neuigkeiten teilt man gern mit, und sie können neue Teilnahme (sogar neues Interesse) wecken und bauen dem schechten Gewissen des anderen eine Brücke, zurückzufinden. Es sollte nicht wichtig sein, wer als letzter einen Brief geschickt hat und seit wann man auf eine Antwort wartet. denn irgendwann verstreicht die immanente reaktionsfrist, und dann sind dem Vergessen und der Aufschieberei keine Grenzen gesetzt.
Wie auch immer, der Kontaktentziehende braucht diesen Schub normalerweise, um wieder zurückzukehren. Bleibt er aus, hat vor allem der Vermissende das Nachsehen, da er selsbt nicht mehr wissen lassen möchte.
sho-shan-nah - 17. Dez, 02:05
Man merkt immer ganz genau, ob tatsächlich der große Zusammenhang gelesen wurde, wenn jemand einen klugen Spruch zitiert:
die einen haben ein Totschlagargument, ein Artefakt, im Ärmel und kennen alle 3,5 Vornamen mit Bindestrichen des Autoren
die anderen können sich für keinen knackigen Satz entscheiden und bringen einen latschigen Absatz, der eher impressionistisch interessieren könnte, gezeichnet mit dem oft falsch geschriebenen Nachnamen, oder bloß Initialien des Urhebers.
Eines davon geht einher mit Effektheischerei, es wird mit den üblichen Themen vermischt und damit zur Bauernregel degradiert, das andere dient als Federkleid (wie die Moleskine-Büchlein oder die zerraufte Bibliothek).
Beides ist irgendwie widerwärtig, beides zeugt von weißen Flecken, die mit fremden Worten umgürtet werden. Wo ist eigentlich der Geschmack für die Paraphrase geblieben, die ganz persönliche Auffassung solcher Eindrücke oder ein-Klick-Wahrheiten, meinentwegen "ich hab da bei N.N. gelesen..."? Zitieren, auch wenn man sich dabei fremder Einfälle bedient, gibt ja schließlich Aufschluss über den ganz arg individuellen lebendigen Filter eines jeden. Das hat mir jedenfalls mal ein Kumpel gesagt, glaube ich.
sho-shan-nah - 31. Aug, 12:13
Eine Sache, die mir noch nicht gefehlt hat: "gut gemacht" sagen über Kunstprojekte und Filme. Es ist ein Hintertürensatz, denn "gut gemacht" kann sich auf die Technik, auf den Inhalt, und auf die Form beziehen, vor allem aber meint er: ich kann den Wunsch nach Realisierung dieser Sache nachvollziehen, mochte es und brauche nun eine Erklärung dafür, die mich nicht als altmodischen oder sentimentalen Trottel disqualifiziert.
sho-shan-nah - 12. Jun, 10:12