Schlussmachen ist auch in Freundschaften sinnvoll und noch schwieriger als in romantischen Zweierbeziehungen, weil ein nachhaltiges körper- und, fomal gesehn, auch verpflichtungsloses Band schwierig einfach mit Tränen und Geschrei aufgelöst wird. Man kann zwar schon "richtig Scheiße bauen", aber selbst dann entscheiden sich die meisten für ein bisschen Abstand, um sich am Ende zu verzeihen. Die Geduld eines Freundes ist, sobald das sympathische Band erst mal gut hält, unendlich mehr belastbar als die von starken Verlustängsten und körperlicher Anziehung auf die Probe gestellte.
Am leichtesten geht es vermutlich noch beim Kontaktentzug: derjenige, der auf dem Trockenen sitzt, bekommt irgendwann einen Ungerechtigkeitsrappel und schreibt den Freund ab, oder "drückt" ihm nochmal, was er dazu denkt, erwartet dennnoch keine echte Antwort oder Verbesserung. Vielleicht schluckt man die ganzen unguten Gefühle für einen neuen Versuch noch schnell runter, aber beim nächsten Mal wird die Spanne kürzer, und kürzer.
dem liegt zum Beispiel mangelndes Interesse zugrunde. Eine relativ unspannende, aber schlüssige Motivation, jemandem nicht mehr anzurufen. Es jedoch zuzugeben erscheint vorschnell (kann sich ja noch ändern), man hätte früher den Kontakt dosieren sollen und es wäre merkwürdig, auf einmal damit anzufangen und eigentlich ist unsere Ausdauer eh anderswo gebraucht. Der andere hätte vorgeblich gerne, dass man es ihm "ins Gesicht sagt", das Interesse sei verschwunden, denn es ist das, was er sich selber sagt. "Ich habe nichts falsch gemacht, man findet mich nicht mehr erwähnenswert". sich dabei den vorenthaltenden Trotzteil zu denken, ist eben genau der Fehler. Neuigkeiten teilt man gern mit, und sie können neue Teilnahme (sogar neues Interesse) wecken und bauen dem schechten Gewissen des anderen eine Brücke, zurückzufinden. Es sollte nicht wichtig sein, wer als letzter einen Brief geschickt hat und seit wann man auf eine Antwort wartet. denn irgendwann verstreicht die immanente reaktionsfrist, und dann sind dem Vergessen und der Aufschieberei keine Grenzen gesetzt.
Wie auch immer, der Kontaktentziehende braucht diesen Schub normalerweise, um wieder zurückzukehren. Bleibt er aus, hat vor allem der Vermissende das Nachsehen, da er selsbt nicht mehr wissen lassen möchte.
sho-shan-nah - 17. Dez, 02:05
Man merkt immer ganz genau, ob tatsächlich der große Zusammenhang gelesen wurde, wenn jemand einen klugen Spruch zitiert:
die einen haben ein Totschlagargument, ein Artefakt, im Ärmel und kennen alle 3,5 Vornamen mit Bindestrichen des Autoren
die anderen können sich für keinen knackigen Satz entscheiden und bringen einen latschigen Absatz, der eher impressionistisch interessieren könnte, gezeichnet mit dem oft falsch geschriebenen Nachnamen, oder bloß Initialien des Urhebers.
Eines davon geht einher mit Effektheischerei, es wird mit den üblichen Themen vermischt und damit zur Bauernregel degradiert, das andere dient als Federkleid (wie die Moleskine-Büchlein oder die zerraufte Bibliothek).
Beides ist irgendwie widerwärtig, beides zeugt von weißen Flecken, die mit fremden Worten umgürtet werden. Wo ist eigentlich der Geschmack für die Paraphrase geblieben, die ganz persönliche Auffassung solcher Eindrücke oder ein-Klick-Wahrheiten, meinentwegen "ich hab da bei N.N. gelesen..."? Zitieren, auch wenn man sich dabei fremder Einfälle bedient, gibt ja schließlich Aufschluss über den ganz arg individuellen lebendigen Filter eines jeden. Das hat mir jedenfalls mal ein Kumpel gesagt, glaube ich.
sho-shan-nah - 31. Aug, 12:13
Eine Sache, die mir noch nicht gefehlt hat: "gut gemacht" sagen über Kunstprojekte und Filme. Es ist ein Hintertürensatz, denn "gut gemacht" kann sich auf die Technik, auf den Inhalt, und auf die Form beziehen, vor allem aber meint er: ich kann den Wunsch nach Realisierung dieser Sache nachvollziehen, mochte es und brauche nun eine Erklärung dafür, die mich nicht als altmodischen oder sentimentalen Trottel disqualifiziert.
sho-shan-nah - 12. Jun, 10:12
Kein Geld haben ist bedauerlich und relativ in den Griff zu kriegen. Gerade assümierte Intelektuelle haben damit jedoch wesentliche Probleme. Auch wenn so gut wie jeder gerne etwas über seinem Budget lebt, habe ich nie luxuriösere Allüren erlebt als bei langzeitarbeitslosen ehrenamtlichen Theaterkritikern. 300 von 400 monatlich verfügbaren Euro werden für Zigaretten und Bücher ausgegeben, von denen gut 2/3 für Immer in ihren verstaubten und überladenen Regalen landen werden, ohne jemals angelesen zu werden. Der Rest geht drauf, wenn sie sich mit Pressevertretern, homosexuellen Freunden und Jazzbarkollegen zum Umtrunk in zurück-zur-guten-Eckkneipe-Schuppen versammeln. Und wenn von irgendwo ein Bonus kommt, fliesst dieser direkt in eine materielle Sektlaune: Blockhütte in Canada, Bäume in Israel, Maniküre, Kreuzfahrt für Gebildete..
Wie kommt man also über die Runden? Man reserviert sich Presseplätze zu Theaterpremieren. Nach der Vorstellung findet man grundsätzlich ein mit feinen und ebenso prätentiösen Snacks bereitetes Buffet vor, und kostenlosem Wein. Und da wir in Frankreich sind, findet es keiner unfein, sich daran satt zu essen.
Dann die Freunde, deren finanzielle Unterstüzungsangebote stolz abgelehnt und anschliessend in Form von bezahlten Runden und Essenseinladungen oder überflüssigen Einkäufen wieder akzeptiert werden.
In einer typischen Speisekammer ergeben sich also merwürdige Kombinationen: Yogitee in Beuteln, Venusmuscheln im Glas. Biomöhrensaft aber Gaspacho aus dem Tetrapack, 5 erlesene Sorten Kaffeebohnen und 30-cent-Milch.
Es sind also nicht nur die "falschen" Prioritäten, die grundsätzlich in chronischer Bronchitis und Eisenmangel enden, sondern auch das parasitäre Festsaugen an bereits an sich parasitären Institutionen und Abläufen, ausserdem der Orientierung an halb literarischen, halb verschwenderischen Persönlichkeiten und schliesslich das Festhalten am Dauer-Literaturstudententraum der 70er Jahre.
sho-shan-nah - 24. Mai, 11:08
Mettre un frein au divertissement
représente peu de choses
enjamber la vérité
en passant du coq à
n'importe comment
- je vous le dis ! -
nawa nawak
et tu l'as bien mérité
sourcil clignote à l'envers et l'étroit
pour commencer
mettons un percing dans le cerveau
comme tu le dis
langue baladeuse. Plouf !
Auf deutsch :
Cadavre Exquis ist ein surréalistisches Poesiespiel, bei dem reihum eine Zeile auf ein Papier geschrieben wird, das beim Weitergeben umgeknickt wird, sodass man nicht sieht, was die anderen sich so dachten. Am Ende des Blattes wird das Ganze in der selben Reihenfolge als Gedicht gelesen.
Dem Spass eine Bremse vorsetzen
steht für wenig
die Wahrheit umbeinen
redent von Gott und der
wie auch immer
-das sag ich Ihnen-
blablabla
und du hast es wohl verdient
die Braue blinkt kreuz und quer
für den Anfang
piercen wir das Hirn
wie du sagst
Spazierzunge. Plouf!
sho-shan-nah - 12. Mai, 11:30
Struppiggraue Vatermörder stehen ab vom Buttermesser eines breiten Lächelns
Erwischt beim Blick, der seiner Ehemaligen sagt: ich bin der
Peter Pan aller fliegenden Fische.
sho-shan-nah - 21. Apr, 11:03
Während ich einen neuen italienischen Nachtzugspaß auch mal einem damit Unbewandertem vorführe, glücklicherweise diesmal vom Klappsitz aus, höre ich im Dunkeln des Ganges eine Italienerin, die wohl mal in Frankreich studierte, mit zwei tunesischen Flüchtlingen diskutieren. Mit roten Ohren möchte ich des aktuellen Geschehens wegen mithören, die Herren jedoch scheinen sich weit weg zu fühlen inmitten der Snowboardergruppe, hier bei uns patati, und bei euch patata, beschneidet man bei euch eigentlich Mädchen und ich les ja eh keine journaux also kann ich gar nicht genau sagen aber es ging schon ab da unten. Und was machst du eigentlich so... Leider kriege ich mangels Licht (Stromausfall) keine Körpersprache mit, aber das Mädchen scheint zu gefallen, bis zur üblichen Abfuhr. Nee, meine Handynummer weiß ich nicht auswendig und das Telephon ist gerade aus weil ich später meine Eltern anrufen muss, Akku sparen und so... Ach Skype, nö, das benutze ich nur für den Onkel in Amerika, da sprechen wir uns nie! Aber m e i n Facebook, ja, das könnt ihr haben, wie heißt ihr? Ich nehm nur Leute an wo ich den Namen kenn Jai-pur ist das nicht ne Stadt? Na bis auf Facebook.
Richtig im Dunkeln verschwinden konnte sie sicher nicht, aber bei unserer kleinen nachtzüglichen Minianarchie ging sie ihrem Snowboardkollegen helfen, eine der verschlossenen Abteiltüren einzutreten.
sho-shan-nah - 20. Mrz, 23:58
"Geistes"wissenschaftler"" werden nicht wegen ihrer Softskills von größeren Bauunternehmen eingestellt, außer, man versteht unter Softskills das gewohnt sein an schlaflose Schaffnächte und das Gefühl, niemals wirklich fertig zu sein.
sho-shan-nah - 17. Feb, 00:12